{"id":908,"date":"2022-02-01T22:08:22","date_gmt":"2022-02-01T21:08:22","guid":{"rendered":"https:\/\/was-tun-hamburg.de\/quo-vadis-die-linke\/?page_id=908"},"modified":"2022-02-01T22:23:19","modified_gmt":"2022-02-01T21:23:19","slug":"eine-letzte-chance","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/was-tun-hamburg.de\/quo-vadis-die-linke\/eine-letzte-chance\/","title":{"rendered":"\u00bbEine letzte Chance\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Der Vorsitzende des \u00c4ltestenrates der Partei Die Linke, Hans Modrow, hat am 17.Januar 2022 einen Brief an die Ko-vorsitzenden der Partei, Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler, gerichtet.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/was-tun-hamburg.de\/quo-vadis-die-linke\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/modrow-brief.jpg\" style=\"margin-top:20px;margin-bottom:0pc;\"><\/p>\n<p>Von <em>Hans Modrow<\/em><\/p>\n<p>Liebe Susanne, liebe Janine,<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/was-tun-hamburg.de\/quo-vadis-die-linke\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Brief-von-Hans-Modrow.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/was-tun-hamburg.de\/quo-vadis-die-linke\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/pdf-icon.png\" style=\"margin-left:20px;margin-bottom:20px;\" align=\"right\"><\/a>zum ersten Mal seit vielen Jahren blieb ich dem stillen Gedenken in Berlin-Friedrichsfelde fern, konnte nicht gemeinsam mit Euch und vielen anderen jene ehren, auf deren Schultern unsere Partei steht. Ich fehlte nicht aus politischen Gr\u00fcnden, wie manch anderer, sondern aus gesundheitlichen: Ich lag im Krankenhaus. Die medizinischen Diagnosen sind nicht eben freundlich, weshalb ich es f\u00fcr angezeigt halte, meine Angelegenheiten zu regeln. Darum auch dieser Brief. Er soll zugleich mein Beitrag sein f\u00fcr die Diskussion im Vorfeld des Parteitages in Erfurt.<\/p>\n<p>Die Partei Die Linke \u2013 hervorgegangen aus WASG und PDS, und diese wiederum aus der SED, welche ihre organisatorischen Wurzeln in der KPD und der SPD hatte \u2013 befindet sich in einer kritischen Situation. Diese entstand nicht erst durch das desastr\u00f6se Resultat bei den Bundestagswahlen. Das Ergebnis machte die innere Verfasstheit lediglich sichtbar. Wenn die Partei sich nicht im klaren ist, wof\u00fcr sie steht und was ihr Zweck ist, wissen dies auch nicht die W\u00e4hler. Warum sollen sie ihre Stimme einer Partei geben, deren vordringlichstes Interesse darin zu bestehen scheint, mit SPD und Gr\u00fcnen eine Regierung bilden zu wollen? Dass diese Vorstellung offenkundig in der F\u00fchrung und unter den Mandatstr\u00e4gern dominiert, ist weder dem Wirken einzelner Genossinnen und Genossen zuzuschreiben noch das Resultat einer einzigen falschen Entscheidung. Es ist Folge einer jahrelangen, jahrzehntelangen Entwicklung. Wann dieser Prozess einsetzte, und wer urs\u00e4chlich daf\u00fcr verantwortlich zeichnet, l\u00e4sst sich sowenig beantworten wie die Frage, ob der Realsozialismus nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 oder mit dem Prager Fr\u00fchling 1968 h\u00e4tte gerettet werden k\u00f6nnen. Wir wissen es nicht.<\/p>\n<h2>Alles auf den Pr\u00fcfstand<\/h2>\n<p>Wir kennen jedoch die demokratischen Spielregeln. Wir haben uns auf sie eingelassen, wie wir eben auch die gesellschaftliche Realit\u00e4t zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen, ob uns diese nun gef\u00e4llt oder nicht. Schon Bismarck wusste und handelte entsprechend: \u00bbWir m\u00fcssen mit den Realit\u00e4ten wirtschaften und nicht mit Fictionen.\u00ab Zu den demokratischen Spielregeln geh\u00f6rt es, dass nach einer krachenden Niederlage alles auf den Pr\u00fcfstand gestellt werden muss. Die kritische Selbstbefragung schlie\u00dft Personalien zwingend mit ein. Denn wenn alle Verantwortlichen im Amt bleiben, bleibt auch sonst alles beim alten. Es gen\u00fcgt nicht, Kreide zu fressen und Besserung zu geloben. Aus einem mit politischem Mandat ausgestatteten Saulus ist bislang noch nie ein Paulus geworden. Das war eine biblische Legende.<\/p>\n<p>Das Ma\u00df der Mitverantwortung ist bei jedem Parteimitglied unterschiedlich gro\u00df, am gr\u00f6\u00dften aber bei jenen, die die Partei f\u00fchren. Der Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer zum Beispiel tr\u00e4gt eine gr\u00f6\u00dfere Verantwortung f\u00fcr Wahlstrategie und inhaltliche Ausrichtung der Partei als ein einfaches Parteimitglied \u2013 man kann sagen: eine entscheidende. Ansagen der Parteivorsitzenden finden eine h\u00f6here Verbreitung als die Meinung einer Basisgruppe; was in der Bundestagsfraktion gesagt wird, besitzt eine andere Wirkung als etwa eine Erkl\u00e4rung des \u00c4ltestenrates. Deshalb denke ich, dass ein Neustart nicht ohne personelle Konsequenzen erfolgen kann. Der Parteitag im Sommer in Erfurt ist nach meiner \u00dcberzeugung daf\u00fcr die letzte Chance, es wird keine weitere geben.<\/p>\n<p>In der Partei, aus der ich komme, kursierte die Losung von der Einheit von Kontinuit\u00e4t und Erneuerung, wobei jedermann und jedefrau sah, dass die Erneuerung allenfalls Phrase war, um die Stagnation zu verdecken. Wohin dies am Ende f\u00fchrte, wissen wir alle. Marx irrte vielleicht doch, wenn er \u2013 Hegel zitierend \u2013 meinte, dass sich Geschichte zweimal zutr\u00fcge, \u00bbdas eine Mal als Trag\u00f6die, das andere Mal als Farce\u00ab. Auch wenn sich Geschichte in Wahrheit nicht wiederholt, sind Analogien nicht v\u00f6llig von der Hand zu weisen. Nach meinem Eindruck scheinen sich in unserer Partei bestimmte Prozesse zu wiederholen. Die SED ging zugrunde, weil die F\u00fchrung selbstgef\u00e4llig und arrogant, unbeirrt und unbeeindruckt ihren Kurs verfolgte und ignorierte, was die kritische Basis daran anst\u00f6\u00dfig fand. Damit zerst\u00f6rte diese F\u00fchrung objektiv die Partei von oben. Das Ende ist bekannt.<\/p>\n<p>Am Ende meiner Tage f\u00fcrchte ich die Wiederholung. Die politischen Folgen des Scheiterns vor mehr als 30 Jahren k\u00f6nnen wir im Osten Deutschlands besichtigen. Die Folgen des Scheiterns der Linkspartei werden ganz Deutschland und die europ\u00e4ische Linke insgesamt treffen. Das eine wie das andere ist irreparabel. Dessen sollten wir uns bewusst sein! Wir tragen darum eine gro\u00dfe Verantwortung \u2013 jede Genossin, jeder Genosse und die Partei als Ganzes.<\/p>\n<p>Als Vorsitzender des \u00c4ltestenrates war ich mir immer dieser Verantwortung bewusst. Wir haben gem\u00e4\u00df der Bundessatzung der Partei gehandelt: \u00bbDer \u00c4ltestenrat ber\u00e4t aus eigener Initiative oder auf Bitte des Parteivorstandes zu grundlegenden und aktuellen Problemen der Politik der Partei. Er unterbreitet Vorschl\u00e4ge oder Empfehlungen und beteiligt sich mit Wortmeldungen an der partei\u00f6ffentlichen Debatte.\u00ab Allerdings musste ich, mussten wir erleben, dass unsere Vorschl\u00e4ge und Empfehlungen ohne sichtbare Wirkung blieben, weshalb ich wiederholt auch \u00f6ffentlich die Frage stellte, ob es dieses Gremiums \u00fcberhaupt bedarf. Wir waren augenscheinlich \u00fcberfl\u00fcssig und l\u00e4stig, was die Ignoranz deutlich zeigte. Unsere Erfahrungen brauchte niemand.<\/p>\n<h2>In westdeutscher Hand<\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es \u2013 wie in jeder Familie \u2013 auch in unserer Partei einen Generationenkonflikt. Die Neigung der Nachwachsenden, den Rat der Alten als Belehrung oder Bevormundung zu empfinden, ist mir nicht fremd: Ich war schlie\u00dflich auch einmal jung. Zu diesem Konflikt kommt auch noch der der unterschiedlichen Herkunft. Wer im Osten geboren und aufgewachsen ist, hat eine andere Sozialisation erfahren als die Genossinnen und Genossen aus dem Westen. Sozialisation schlie\u00dft ein: Bildung, Sprache, Umgangsformen, Mentalit\u00e4t, Erfahrung, Stabskultur \u2026 Das alles schwindet mit den Jahren, wie deren Tr\u00e4ger auch verschwinden. Es wirkt jedoch nach. \u00dcber Generationen. Die Ostdeutschen, auch das muss gesagt sein, sind nicht die besseren Menschen. Sie sind anders. Das sollte sowohl in der Partei selbst als auch in ihrer politischen Arbeit bedacht werden. Geschieht das nicht, erh\u00e4lt man \u2013 wie j\u00fcngst geschehen \u2013 bei Wahlen die Quittung. Bundestagswahlen gewinnt man nicht im Osten, aber man verliert sie dort.<\/p>\n<p>Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass auch die Partei wie seinerzeit das \u00f6stliche Land inzwischen in westdeutscher Hand ist. Ihre Vertreter und Verb\u00fcndeten geben den Ton an. Wie im Staat gibt es keine Einheit, ich nenne den Zustand Zweiheit. Und das scheint nunmehr auch in der Partei der Fall zu sein. Ja, ich wei\u00df, die Zusammensetzung der Partei hat sich ge\u00e4ndert, viele junge Leute aus West wie Ost sind hinzugekommen. Sie kommen vornehmlich aus St\u00e4dten und nicht vom Lande, haben andere Bed\u00fcrfnisse und Interessen als wir damals, als wir in ihrem Alter waren. Um so wichtiger ist, dass wir ihnen bewusst machen, aus welcher traditionsreichen Bewegung ihre\/unsere Partei kommt, was ihre Wurzeln sind und wof\u00fcr Generationen gek\u00e4mpft haben: n\u00e4mlich nicht f\u00fcr die Stabilisierung des kapitalistischen Systems, sondern f\u00fcr dessen \u00dcberwindung.<\/p>\n<p>Und den Charakter des Systems erkennt man nicht mit Hilfe des Ausschnittdienstes und der sogenannten sozialen Medien, sondern aus Theorie und Praxis und deren Verbindung. Ich scheue mich deshalb nicht, eine systematische politische Bildungsarbeit in der Partei zu fordern. Nat\u00fcrlich ist das kein Allheilmittel, aber n\u00fctzlich, um die Welt zu erkennen und zu bestimmen, was die Aufgabe der Partei ist. Auch wenn deren Zustand im steten Wandel begriffen ist, \u00e4ndert sich der Charakter der Klassengesellschaft nicht. Lautmalerei, Anglizismen und Gendern oder der Kampf gegen die Klimakatastrophe \u00fcberwinden die sozialen Gegens\u00e4tze in der b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht. Das vermeintliche Verschwinden des Industrieproletariats hat doch die Arbeiterklasse nicht ausgel\u00f6scht. Die Sozialforschung spricht inzwischen vom Dienstleistungsproletariat, und meint jene abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten, die f\u00fcr wenig Geld arbeiten m\u00fcssen, um zu existieren: Krankenschwestern und Pfleger, Verk\u00e4uferinnen im Supermarkt und Au\u00dfendienstmitarbeiter in Logistikunternehmen, Angestellte bei der Post, im Handel, in der Gastronomie und im Tourismus und so weiter. Sie machen laut j\u00fcngsten Untersuchungen inzwischen bis zu 60 Prozent der Besch\u00e4ftigten aus und sind kaum gewerkschaftlich organisiert. Sie sind ebenso Arbeiterklasse wie die etwa 18 Prozent in Industriebetrieben T\u00e4tigen. Diese nahezu vier F\u00fcnftel der Gesellschaft kommen in der Wahrnehmung unserer Partei kaum vor. Es ist ja keine Klasse, keine Mehrheit, nur eine Randerscheinung \u2026<\/p>\n<h2>Kampf um den Frieden<\/h2>\n<p>Nicht weniger gef\u00e4hrlich ist diese absurde \u00c4quidistanz zur Au\u00dfenwelt. Man kann nicht zu allen Bewegungen und Staaten den vermeintlich gleichen ideologischen Abstand halten. Wer in das gleiche Horn st\u00f6\u00dft wie die kapitalistischen Kritiker Russlands und Chinas, Kubas, Venezuelas usw. macht sich objektiv mit ihren erkl\u00e4rten wirtschaftlichen und politischen Gegnern gemein. Wollen wir ihnen im Kalten Krieg behilflich sein beim Anrichten eines Scherbenhaufens wie in den Staaten des arabischen Fr\u00fchlings, in Afghanistan, in der Ukraine und in anderen Staaten, wo die Geheimdienste und die Milit\u00e4rmaschinerie des Westens w\u00fcteten? Nat\u00fcrlich sollen wir nicht alles guthei\u00dfen, was in anderen L\u00e4ndern geschieht. Aber bei unserer Beurteilung ist es nicht nur n\u00fctzlich, sondern auch n\u00f6tig, die Perspektive der anderen einzunehmen. Im Kampf um den Frieden darf es keine Neutralit\u00e4t geben. Der christlich-europ\u00e4ische Kulturkreis, aus dem wir ebenso kommen wie Karl Marx und der ganze Kapitalismus, kann nicht die Elle sein, mit der wir die Welt vermessen. Es gibt Kulturv\u00f6lker, die uns Jahrtausende voraus sind. Und es gibt Priorit\u00e4ten, die auch Willy Brandt setzte: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts.<\/p>\n<p>Liebe Susanne, liebe Janine, ich kann versprechen, Euch k\u00fcnftig mit Schreiben wie diesem zu verschonen. Meine Kraft ist aufgezehrt, ich kann nur auf die Enkel hoffen, die es besser ausfechten. Da schwingt Hoffnung mit. Und die stirbt bekanntlich zuletzt.<\/p>\n<p>Berlin, 17. Januar 2022<\/p>\n<p>In solidarischer Verbundenheit<\/p>\n<p>Hans Modrow<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vorsitzende des \u00c4ltestenrates der Partei Die Linke, Hans Modrow, hat am 17.Januar 2022 einen Brief an die Ko-vorsitzenden der Partei, Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler, gerichtet. 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